Auflösen
Roman
Die 70-jährige Rita Everitt, ehemalige Chefin einer Renovierungsfirma, fliegt von Boston in die alte Heimat Deutschland, um die Wohnung ihrer pflegebedürftigen Mutter aufzulösen. Deren Kriegstagebuch und ein gestohlener Armreif konfrontieren sie mit der Vergangenheit: Ihre Mutter war eine überzeugte Nationalsozialistin. Wie konnte ihr das entgangen sein? Warum straft ihre Schwester sie noch immer mit kühler Zurückweisung? Und ihr Mann, der sie für eine Jüngere verlassen hat, will plötzlich wieder zu ihr zurückkommen. Wie soll das gehen, verdammt? Als würden alle alten Gewissheiten sich auflösen.
Wie vor fünfzig Jahren lässt Rita alles stehen und liegen und fliegt zurück nach Boston - doch das leere Haus am Meer ist nicht länger ihr Zuhause. Wo gehört sie hin?
About Christiane
Christiane K. Alsop grew up in Germany, worked as a bookseller in Darmstadt, studied psychology in Hamburg, got her PhD in cultural studies in Berlin, and today lives with her family on Boston’s North Shore. She researches and writes about love, life away from home, and the lingering effects of Nazism on subsequent generations of Germans.
Auflösen
Roman
Salem, Massachusetts, 10. September 2019
Sie kommt. Meine Schwester kommt. Ich halte ihren Brief in Händen.
Anbei die Kopie meiner Online-Buchung, steht darin. Holst du mich vom Flughafen ab?, fragt sie.
Aber klar doch, Gudrun.
Ich schaue auf. Gegenüber im Regal die drei gerahmten Fotos meiner Familie. Vater, die Fedora tief in die Stirn gezogen, den Ellbogen locker und lässig gegen die Fahrerseite des Focel Vega gestützt, schaut ernst, aber siegessicher in die Kamera. Daneben im schlichten Rahmen, das Foto von Mutter am Tag meiner Hochzeit vor nun über fünfzig Jahren. Sie trägt das Kostüm mit den Perlmuttknöpfen, ihr dunkles Haar ein dauergewellter Helm mit Schicht um Schicht von Haarspray, ihr Blick sinnierend, traurig, nur der Mund hart und fest geschlossen. Gudrun im offenen weißen Laborkittel, hinter ihr Wolfgang, an jeder Seite einer ihrer Söhne. Meine Familie in drei gerahmten Fotos. Während unseres gemeinsamen Lebens standen wir einander nie so nahe wie in meinem Regal. Während unseres gemeinsamen Lebens stand jeder von uns auf seinem eigenen Mount Everest, jeder vom anderen durch Weltmeere getrennt. Mit mir zusammen, hier in meinem Lesesessel, mit Blick auf meine Bücher, bilden wir einen Kreis um die rote Schachtel mit Frau Blumenthals Armreif.
Gudrun wird ihn vergessen haben, den Armreif. Ich hatte ihn ja damals, vor drei Jahren, lediglich am Telefon erwähnt, als ich kam, um Mutters Wohnung aufzulösen. Das Drama um diese Wohnung, die Misere mit Gudruns Wagen, unser Zerwürfnis im Hotel Maritim, so schrill, so laut, es wird die Stimme des Armreifs übertönt haben. Sie hat ihn ja auch nie mit eigenen Augen gesehen. Den Armreif nicht und auch nicht die rote Schachtel mit dem weißen, samtenen Futter, in der der Armreif liegt.
Doch jetzt kommt sie, überquert eines der Weltmeere, um mich, ihre große Schwester zu besuchen.
Ich greife nach der Einkaufsliste. Ich darf die deutsche Butter bei Karls Sausage Kitchen nicht vergessen, sonst gelingt mir Winkler-Omis Rodonkuchen nicht. Die Liste bebt in meiner zitternden Hand.
Ruhig Blut, Rita, wird schon, sage ich mir. Du brauchst erst einmal eine Tasse Tee.
Auf dem Weg in die Küche stelle ich mir vor, wie sie stutzt und fragt: eine Wohnung? Sie kennt mich ja nur im großen Haus mit Tom. Gudrun wird mir zuhören, wenn ich ihr erzähle, warum ich die Koffer packte und auszog; wenn ich von den Monaten in der Dachkammer über dem Buchladen berichte, wo ich mit der Recherche in Sachen Armreif begann. Der Raum so klein und eng wie in meiner Kindheit die Behausung für uns vier im ausgebombten Herne: Mutter, Vater, Gudrun und ich.
Während der Wasserkocher leise summt und die Salbeiblätter im Sieb duften, beobachte ich die Eichhörnchen vor dem Küchenfenster. Sie huschen hin und her, bemüht, Wintervorräte anzulegen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zieht eine Gruppe Frauen vorbei, Hexenhüte auf dem Kopf, Tätowierungen auf den Armen und um die schwarzen Kutten wehen lange Haare in neonblau, neongrün und neonrot. Typisch Salem in den Wochen vor Halloween.
Wenn du erst einmal hier bist, haben wir Zeit, Gudrun. Ich werde dich fragen, wie es deinem Mann geht und wie deinen Söhnen. Du wirst mich fragen, wie es ist, so allein in dieser Wohnung, ohne das große Haus, ohne Tom. Ich hebe die Kanne aufs Tablett und stelle Teetasse und Honig dazu. Wenn du hier bist, brühe ich dir diesen Tee zur Begrüßung. Das Sieb mit den Salbeiblättern tropft Kleckse auf dem Weg von der Kanne zum Spülstein. Mit dem Tablett vor dem Bauch gehe ich durch den Flur zurück ins Wohnzimmer.
Im Kopf das Bild von Frau Blumenthals Großnichte. Das Bild, wie ich vor ihrer Tür stand, wie sie öffnete und ich ihr die Schachtel mit dem Armreif entgegenstreckte. Wie sie mit einem knappen „Sorry“ die Annahme verweigerte und die Tür schloss. Ich sehe noch das Erkerfenster neben dieser Tür. Dessen bleiverglaste Hexagone brachen mein Spiegelbild in tausend Stücke. Ich flog zurück. Ich legte die Schachtel in das noch leere Bücherregal in der damals noch leeren Wohnung, ließ mich in diesen Lesesessel sinken und schaute sie an, die Schachtel.
Wie jetzt.
Featured Article
Book Review: Forced Confrontation: The Politics of Dead Bodies in Germany at the End of World War II by Christopher Mauriello. In Genocide Studies and Prevention: An International Journal